Der Duft des Kaffees: Historischer Hintergrund

Kaffee ist nach Erdöl das zweitwichtigste Handelsgut der Welt. Doch der beliebte geistige Schmierstoff hat ein dunkles Geheimnis. Die Türken erkannten es als erste: 1683 belagerte der Großwesir Kara Mustafa mit 75 000 Soldaten Wien. Die Stadtbewohner wollten bereits aufgeben, da rückte endlich das Entsatzheer an und schlug die Osmanen in die Flucht. Zurück blieben braune Hülsen. „Kamelfutter“, dachten die Wiener und begannen es zu verbrennen und in die Donau zu werfen. Kolschitzky rettete einige hundert Sack, denn er wusste vom „Wein des Islam“. Jahre später eröffnete er eines der ersten Wiener Kaffeehäuser. Was in Wien erfolgreich begann, wurde in Konstantinopel verboten: Bald nach dem Rückzug Kara Mustafas ließen die Machthaber alle Kaffeehäuser in der türkischen Hauptstadt schließen, denn sie befürchteten, daß die Bürger – unzufrieden über den Ausgang des Feldzugs – einen Aufstand anzetteln könnten. Ohne es wissenschaftlich oder empirisch belegen zu können, erahnten die Türken bereits das Wesen des schwarzen Elixiers:

Kaffee ist ein Aufwiegler, eine Droge der Revolution!

Auf den ersten Blick ist es kaum zu glauben, doch die Geschichte beweist: wo der schwarze Aufmunterer erschien, war eine Revolution nicht weit. Kaffee wurde auffällig oft vor politischen oder ökonomischen Veränderungen für die Masse erschwinglich. So ist die erste funktionierende demokratische Verfassung ein Meisterstück des Kaffees.

Kaffee ist die Muttermilch der US-Declaration of Independence

Um 1720 begann man fast überall zwischen dem Wendekreis von Krebs und Steinbock Kaffee anzupflanzen. Für die Amerikaner war es billiger, den Kaffee aus dem benachbarten Süden zu kaufen, als den hochbesteuerten Tee der Briten. Und noch wichtiger: der Kaffee begann den Amerikanern zu schmecken, denn sie fügten Zucker hinzu. Im Vergleich zu Bier und Cidre wirkte der süße, schwarze Trank wie eine Energiespritze. Zur gleichen Zeit arbeiteten George Washington und seine Mitstreiter an einer revolutionären Idee: Die Gruppe gebar die erste demokratische Verfassung. Im Merchants Coffee House!

Gerade als Jahr für Jahr mehr Bohnen nach Amerika importiert wurden und der Bier-, Tee – und Cidrekonsum zurückging, kam es zum Aufstand gegen die britischen Kolonialherren. Im Jahre 1773 verkleideten sich 90 Amerikaner als Indianer und warfen im Hafen von Bosten hunderte Säcke mit Tee von dem britischen Handelsschiff Dartmouth ins Meer. Die Boston Teaparty stand am Beginn des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges. Die Amerikaner verfassten die Declaration of Independence und verdammten das Teetrinken als unpatriotisch. Kaffee wurde zum Nationalgetränk. Seither sind die USA der größte Kaffeekonsument der Welt. War es der Beginn des amerikanischen Wirtschaftswunders?

Warum wiegelt Kaffee auf?

Die Zivilisation des europäischen Altertums und des europäischen Mittelalters kannte nur Betäubungsmittel wie Wein, Bier und Most. Es gab keine Ernüchterer. Noch kurz vor der Französischen Revolution begann der Tag der Bürger mit Bier. Und endete damit: Den Frühtrunk bildete Suppenbier, zu Mittag gab es Fisch und Wurst in Bier gekocht und abends warmes Eierbier, Rosinenbier oder Zuckerbier. Man traute der Reinheit des Biers mehr als dem oft verseuchten Trinkwasser. Alkohol vermehrte vor allem das Phlegma und half über die Frustrationen der Monarchie hinweg. Über Nacht jedoch verwandelten sich Weinschenken zu Kaffeetavernen. Die Stätten der Vernebelung wurden plötzlich zu Orten des Nachdenkens, Diskutierens und Fragenstellens.

In Paris wuchs die Zahl der Kaffeehäuser rapide, um 1780 waren es bereits über 800. Die Aufwiegler trafen sich nun – statt bei verklärendem Bier - beim aufputschenden Kaffee. Niemals zuvor spielte sich die Weltgeschichte so sehr im Kaffeehaus ab: Es wurde gestritten, konferiert und ausgeheckt, dem Sturm auf die Bastille ging unmittelbar eine Rede von Camille Desmoulins von einem Tisch des Café de Foy voraus. Kaffee war der Auslöser zur kollektiven Ernüchterung, und der Beginn der Aufklärung wurde durch einen Geruch geprägt: durch den Duft des Kaffees.

Amerikanischer Unabhängigkeitskrieg, Französische Revolution oder Aufbegehren gegen Metternich – immer boomten kurz zuvor Kaffee und Kaffeehaus. Ein Zufall?

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