Romanauszug

Agathe war klar: irgendetwas stimmte nicht. Normalerweise wurde auf dieser Straße gedrängelt, gehupt und geblinkt, besonders an einem Samstag vor Weihnachten um 16 Uhr. Der Busfahrer stand noch immer an der Haltestelle, obwohl niemand mehr ein- und ausstieg. Das Motorrad überholte nicht, der Fahrer eines Lieferwagens tuckerte dahin, bremste zu spät und verursachte ums Haar einen Auffahrunfall. Ein Fußgänger merkte nicht, daß die Ampel bereits grün zeigte, er gähnte – plötzlich ahnte Agathe, was allen gemeinsam war: die Müdigkeit! Man hatte die Menschen über Radio und Fernsehen aufgefordert, auf Grund des Vergiftungsanschlags dem Kaffee der weitverbreitetsten Marke zu entsagen.

Agathe beobachtete die Passanten, konnte ihren Atem sehen, was fehlte? Wärme, Antrieb, Trost? Wie lange kamen die Leute ohne den braunen Aufmunterer aus, was würde sich ändern?

Offensichtlich hatten die Täter die Anschläge von langer Hand geplant, trotzdem schien Agathe die Vorgehensweise merkwürdig: Wenn es sich um einen politisch motivierten Anschlag handelte, warum gab es dann keine Bekennerbriefe, keine Warnungen, keine Botschaften? Wenn es aber Erpressung war, warum wurden die als Bohnen getarnten Pillen über das ganze Land verstreut, warum hatte es gleichzeitig mit dem Anschlag auf dem Berliner Fernsehturm auch Vergiftungen in einer Münchner und einer Hamburger Drachus-Filiale gegeben? Für eine Erpressung hätte eine Vergiftung gereicht. Was war das Motiv?

Ihr war kalt, sie mußte an Maurice denken und fühlte ein Pochen in den Schläfen.

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